„Seit mittlerweile drei Jahren kümmere ich mich um meine Patentante Marieluise. Bevor sie in Rente ging, arbeitete sie als Krankenschwester. Hauptsächlich war sie hier am städtischen Krankenhaus im Dienst. Doch alle paar Jahre nahm sie sich eine Auszeit und half in verschiedenen Flüchtlingscamps in Afrika. Beispielsweise verbrachte sie 1995 mehrere Monate im Osten der damaligen Republik Zaire, wo sie in einem Lager Flüchtlinge medizinisch betreute.

Leberzirrhose als Folge von
Hepatitis C

Vermutlich infizierte sie sich dort über kontaminiertes Blut mit Hepatitis C. Wie es sehr häufig vorkommt, verlief die Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus ohne spezifische Symptome. Zwar fühlte sich Marieluise nach der Zeit in Zaire müde und weniger leistungsfähig, aber sie führte das auf die kräftezehrende Tätigkeit dort zurück. Somit entwickelte sich unbemerkt aus der akuten Virusinfektion eine chronische Leberentzündung (Hepatitis).

Meine Tante lebt in der Einliegerwohnung meines Hauses, sodass jederzeit schnell jemand bei ihr sein kann. Ihre Hepatitis C ist geheilt, sie ist medikamentös gut eingestellt, hält sich strikt an die Ernährungsrichtlinien ihres Arztes und versucht, ihren Alltag möglichst normal weiterzuleben. Trotzdem führte die chronische Leberentzündung einige Jahre später zu einer Leberzirrhose.

Bei einer Leberzirrhose, auch Schrumpfleber genannt, wandelt sich immer mehr des gesunden Lebergewebes in narbiges Bindegewebe um. Dadurch verliert die Leber sukzessive ihre Funktion. Diese besteht darin, Schadstoffe und Keime aus dem Blut zu filtern. Zudem ist sie zuständig für den Eiweiß-, Fett- und Zuckerstoffwechsel.

Durch die Leberzirrhose hat sie trotz ihrer bewussten Lebensweise ein erhöhtes Risiko, Leberkrebs und eine hepatische Enzephalopathie zu entwickeln. Tatsächlich kam sie mir eines Tages im vergangenen Sommer ziemlich verändert vor. Sie sprach verwaschen, hatte Gleichgewichtsstörungen und konnte kaum mehr die Gabel an den Mund führen. Ich vermutete einen Schlaganfall und tätigte den Notruf. Einige Tests ergaben, dass sie an einer hepatischen Enzephalopathie litt.

Hepatische Enzephalopathie: Giftstoffe schädigen das Gehirn

Bleiben nämlich toxische Substanzen im Blut, weil die Leber sie nicht entgiftet, können sie in vielen Organen Schaden anrichten, auch im Gehirn. Die Giftstoffe gelangen mit dem Blut in die Schaltzentrale unseres Körpers, reichern sich dort an und verursachen eine Schwellung bestimmter Zellen. Das wiederum führt zu verschiedenen Störungen des Nervengewebes, die sich beispielsweise auf die Motorik auswirken können oder auf das Sprachverständnis. Dann sind Betroffene nicht mehr in der Lage, alltägliche Tätigkeiten wie Schreiben oder Gehen auszuführen. Mehr als ein Drittel der Menschen mit Leberzirrhose entwickelt diese schwere Komplikation innerhalb des ersten Jahres. Bis zu vier von fünf im Laufe ihres Lebens mit Leberzirrhose.

Natürlich wissen jetzt alle in der Familie um das Risiko, dem Marieluise ausgesetzt ist. Wir achten auf die Anzeichen einer hepatischen Enzephalopathie. Dazu gehören ein verminderter Antrieb, Konzentrationsschwäche, ein größeres Schlafbedürfnis oder schlechtere Feinmotorik. Doch wir sind ja alle nur Menschen und vielleicht nicht immer aufmerksam genug. Und Marieluise besucht zwar regelmäßig die Sprechstunde ihres Arztes, aber zwischen den Kontrollen liegen Wochen, in denen sich ihr Zustand verändern kann.

Leberzirrhose als Folge von Hepatitis C

Quellen:

1https://doi.org/10.1016/j.cld.2020.01.001
2HDIJH_8542179 1..6 (nih.gov)